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Oysters In My Pockets – Von Byron Bay nach Brisbane


Brütende Hitze – selbst im Schatten. Australischer Schnack über wunderbar belanglose Alltagssituationen. Ich sitze nicht weit, schweige, blicke hinaus auf den Südpazifik. Salomonen, Fidschi, Neukaledonien, was auch immer dort liegt. Es ist früher Mittag. Früh bin ich mit der Fähre nach North Stradbroke Island gefahren. Und im äußersten Nordwesten der riesigen Sandinsel, in Point Lookout, hole ich spontan den Laptop raus. Iced Chai Latte, dem Meer widerstehen und in den jüngsten Erinnerungen versinken.




Beautiful Bellingen


Nie war ich dankbarer für die kleinste Briese kühlenden Windes. In den letzten Tagen ist es deutlich heißer geworden. Troopy kennt nur eine Richtung: Norden, Queensland. It's getting hot and humid.


Am Dienstag, den 12. Dezember, bin ich aus den Bergen zurück an die Küste gefahren. Von Dorrigo hinab in Richtung Coffs Harbour. Auf dem Weg passiere ich die kleine Stadt Bellingen, verliebe mich schnell und bleibe eine Nacht. Die Stadt entzückt vor allem durch ihren vielfältigen Vibe. Hier laufen sich alternative Bauern, Backpacker, Künstler, Musiker aus aller Welt und Vagabunden, wie ich über den Weg.

Den Nachmittag verbringe ich in der Swiss Bakery, da es das letzte Café ist, welches nach 14 Uhr noch offen ist. Die Stecker der Kaffeemaschinen werden normalerweise spätestens dann gezogen. Skandal!

Gegen Abend flaniere ich durch die wenigen Straßen. Ein breiter, kniehoher Fluß teilt die Stadt. Das Wasser ist lauwarm, kaum erfrischend. Ich bleibe schließlich im Bellingen Hotel, dem lokalen Pub hängen, schreibe etwas, lausche, hier und da willkürlichem Smalltalk. Nebenbei Sailing World Cup und Horse Racing auf viel zu vielen Bildschirmen.




Allan's Kühlschrank


Am nächsten Morfen fahre ich fünf Stunden Rad – heiße fünf Stunden. Die Route sollte ursprünglich durch das unmittelbare Hinterland, den Bindarri Nationalpark bei Coffs Harbour führen. Soweit komme ich leider nicht. Nach einer knappen Stunde verwandelt sich der schönste Asphalt einmal mehr in groben Schotter. Und weitere 15 Minuten später sind alle meine Ersatzschläuche Geschichte.

Ein Blick auf Google Maps verrät mir, dass die nächste große Straße nicht weit weg ist. In etwa einem Kilometer kreuzt der Highway. Zu Fuß erreiche ich diesen dann auch, klettere die Böschung hinab. Hier stelle ich mich an die Leitplanke – Daumen raus und auf gut gelaunte Autofahrer hoffen. Nach nur drei Minuten fährt ein grauer Pick-Up links ran. Ein blankgeputzter Australier beeutet mir lässig mein Rad auf die Ladefläche zu schmeißen. In Allan's Auto ist es blitzsauber und ungefähr 40 Grad kühler als in der sengenden Hitze. Schnell wird klar: Wir haben dasselbe Ziel: Coffs Harbour.

Eine knappe halbe Stunde, gefüllt mit einem wahrlich spannenden Gespräch über die Einwanderungsgeschichte von Allan's estländischer Familie, später, erreichen wir einen Radladen. Und wieder einmal bin ich dem Stranden in der Gravel-Wüste von der Schippe gesprungen.




Wondering around


Nachmittags fahre ich weiter nach Yamba. Mein ursprünglicher Plan sah vor vier Stunden durchzufahren bis Byron Bay. Mein rettendes Bike-Shuttle Allan schwärmte allerdings so sehr vom Küntenort Yamba, dass ich beschloss einen Tag zu bleiben.

Hier sei kurz vermerkt: Allan schwärmte fast ausschließlich von der Wobbly Chook Brewery. "Oh mate, the best beer". Allein wegen des skurillen Namens gebe ich dem ganzen eine Chance.



Wieder einmal scheint die größte Herausforderung zu sein, einen Schlafplatz zu finden. Ich stelle mich schließlich in eine ruhige Wohngegend. Bis auf ein "Fuck yer" von einem vorbeiradelnden Typen, gegen 5 Uhr morgens, bleibt es auch ruhig.

Der Tag in Yamba fliegt schnell vorbei. Morgens schwimme ich ein paar Bahnen im Rockwater Pool am Yamba Beach. Die Wellen sind beängstigend hoch, überrollen das tief in den Fels geschlagene Becken. So fühlt sich die Schwimmeinheit eher nach Überlebenskampf an. Außerdem treiben allerlei Algen in der Dünung. Als mich nach 15 Minuten eine große weiße Qualle an der Schulter streift, beende ich den Spaß vorsichtshalber.



Am Strand fragt mich später ein älterer Herr, was ich denn so von der deutschen Politik halte. "Good question, honestly i am not so in to it, mate" (unsicheres Lächeln). Darauf wurde ich bisher noch nie angesprochen. Deutschland, beziehungsweise der Rest der Welt scheint hier häufig zu fern zu sein. Wieso sollte man sich über die Politik anderer Länder Gedanken machen? Existieren sie überhaupt? Wer macht sich schon die Mühe dem Globus zwischen zwei Resch's Bier und dem Horse racing Wettschein, eine 180 Grad Drehung zu verpassen? Glücklich darüber, die Irrungen und Wirrungen des eigenen Kontinents im Blick zu behalten.


Mittags beobachte ich ein paar Surfer, sowie ein kleines lokales Cliff Diving Festival. Es ist ein schöner Ausklang eines ruhigen, verträumten Tages. Die Australier würden ihn so beschreiben: "Not sure what my plan were after just wondering around" – tasty!




Sweet Byron Bay


Abends gehts dann weiter. Finally nach Byron Bay. Einer der meistgehyptesten Küstenorte Australiens. Gerade deswegen vielleicht nicht unbedingt einen Stopp wert, aber irgendetwas zieht mich dennoch hin. Und rückblickend muss ich ehrlich gestehen – war das genau die richtige Entscheidung.


Als ich am Fisherman's Logout ankomme, geht die Sonne langsam unter. Es ist einer der östlichsten Punkte Australiens. Ein kühlender Wind zieht über das Aussichtsplateau. Ich suche mir eine ruhige Ecke – drehe das Gas auf: Bruschetta in der Pfanne und mein innerer Kompass pendelt sich ein.

Im frühen Dunkel der Nacht stehen nur noch wenige Autos hier und dort. ich frage etwas herum, wo man in Byron Bay safe schlafen könne. Ein junger Australier, der gerade irgendetwas übertrieben Aufwendiges auf dem Gasherd kocht, nennt mir, zwischen zwei Zitronenspritzern, den Ort "Belongil Beach". Wenig später schlage ich dort das Dachzelt auf, checke den Sektor. Luftlinie sind es nur wenige Meter zum Meer. Bei lautem Wellengang und langsam einsetzendem Regen schlafe ich ein.



In den nächsten Tagen sauge ich den Vibe von Byron auf. Junge Leute, viele Rastlose, Reisende. Braun gebrannt, die Haare von der Sonne ausgebleicht, vom Salz in alle Richtungen gezerrt. Tatoos auf der Haut, Bänder in den Haaren, die Augen halb geöffnet, das Surfbrett auf dem Dach des Pick-Ups.

Das geht mitten in mein "Surfer-Klischee-Herz". Es ist nicht so, wie ich vermutet habe. Es ist viel schlimmschöner – gut geworded!

Indie-Rock aus den heruntergedrehten Troopy-Fenstern, barfuß auf dem Weg zum Strand – bei Sonnenaufgang oder im Dunkel der Nacht. Ist es denn schon wieder 1972? In dieser Sphäre scheint es nur das Element Wasser zu geben. Bin ich cool genug für diese Witterung? Naja, zunächst fehlt der australische Slang, aber – ich habe ein cooles Auto, ein Troopy aus 1993, lange Haare, ich kann Indie-Rock laut drehen, Mmh, keine Tatoos, Surfen kann ich nicht, aber wer sieht das denn schon?



Es sind heitere Gedankenspiele, die durch das Sonnenverbrannte Hirn geistern. und dann schaue ich hinab, sehe ein Rennrad, statt eines Boards. Ich bin genau richtig, wo ich bin. Schluchze oder schmunzle ich schon?

Tropicana von Vanille Gorilla habe ich in Byron gefühlt. Ein fester Platz in meiner Australia-Playlist. In diesen 190 Sekunden bin ich Surfer!




Rock Novelle & Hinterlandliebe


Am Samstagabend stöbere ich weit im Dunkeln durch Byron. Hier brüllt das Nachtleben. Junge Menschen überall. Vereinzelte Familien und ältere Leute scheinen nur der Vollständigkeit halber unterwegs zu sein.

Auf einem lokalen Markt gibt es mexikanisches Essen. In der langen Schlange entdecke ich eine junge Frau, die ebenfalls allein hier zu sein scheint. Alyce kommt aus Adelaide, reist seit Monaten quer durch Australien, bald durch Kanada, vielleicht Europa. Schnell kommen wir ins Gespräch. Wir enden schließlich auf einem Live-Rock-Konzert. Zwischen irgendeinem vereinnahmenden Gitarrensolo und überschwänglichen "Cheers" und "G'Days" wird die Entschlüsselung des australischen Akzents nicht einfacher. Es tut gut sich zu unterhalten. Und zwar über das Telefon hinaus. Wir beschließen in Kontakt zu bleiben. Die Wege führen in verschiedenste Richtungen.



Von Byron Bay aus habe ich bis jetzt die schönsten Radtouren gemacht. Im "Hinterland" reist der Regenwald eine große Lücke in die Verkehrshektik. Ich sehe mehr Schlangen und Kängurus als Autos. Gute Straßen, wahnsinnige Aussichten.

Und slowly but safely werde ich zum Frühaufsteher. Um 7 Uhr scheine ich zwar immer noch der Letzte zu sein, aber die Luft ist wunderbar frisch. Die Sonne steht trotzdem schon am gefühlten Zenit.

Unterwegs entdecke ich süßes Café in Newrybar. Blumengarten, einer der besten Flat Whites so far und die optimale Distanz zurück nach Byron Bay – ja, das ist so mit das wichtigste an einem Café!





Brisbane am Horizont

Etwas schweren Herzens mache ich mich Montagfrüh weiter auf Richtung Norden. mein nächstes Ziel ist Brisbane. Die Grenze nach Queensland liegt nur wenige Kilometer entfernt.


Cliffhanger! Timecut! (wortwörtlicher Timecut, denn die Uhren ticken dort eine Stunde früher).


In diesem Augenblick sitze ich unter den hoch aufragenden Skyscrapern Brisbanes. Big-City-Feeling. Wieder schaue ich auf eine bunte Woche zurück. Das Wetter ist mittlerweile deutlich schlechter geworden. Die Sonne habe ich seit Byron Bay kaum mehr gesehen. Und trotzdem hat Queensland sein Versprechen gehalten: Es ist nochmal deutlich heißer geworden. Regen, dunkle Wolken, Blitze. Meine letzte Google-Suche: "Ist es sicher bei Gewitter im Zelt schlafen?"


"Oysters in my pockets" auf meinen Airpods. Und wenn ich diese Oysters (Austern) aus meiner Tasche hole, sie liebevoll mustere und öffne – dann sehe ich die schönsten Erinnerungen. Kitschig oder romantisch? Auf alle Fälle wahr.



Macht's gut, euer Jon!


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