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Surfen, Graveln und Nachdenken – Von Manly nach Dorrigo

Seichtes Blätterrascheln, irgendeine australische Indie-Band – solange ein Windstoß gewogen ist, sie bis in die letzte Ecke dieses wundervollen Gartens zu tragen. Die einzige Konstante ist das diskrete Brummen einer Klimaanlage. Ich sitze in einem stilvollen Sessel in der Yam Yam Angourie Rösterei in Yamba. Umgeben von Palmen und anderem tropischen Grün.Vor mir die buchgewordenen Gags von Sebastian Hotz, sowie der ebenso klassisch, wie kultige, Almonds Flat White.




Wo liegt das Glück?


„Das einzige, was mir hilft, ist Schreiben, der Versuch, mich auf diesen Blättern auszusprechen und dann mich selbst gleichsam von außen her zu betrachten. Ja, das Leben des Menschen ist nichts als eine Aufeinanderfolge von Gemütsstimmungen, halb Erinnerung, halb Hoffnung“.


Als ich diese Zeilen von Fritjof Nansen lese, bin ich auf eine seltsame Art bewegt. Die ebenso schmerzhafte, wie befreiende Erkenntnis, ist ihm während einer dreijährigen Polarexpedition bewusst geworden. Diese habe ich zwar nicht unternommen, und trotzdem glaube ich zu wissen, was er meint – zu wissen, dass diese Worte nicht wahrer sein könnten.

Gerade auf dieser Reise durch Australien: Getrieben von einem Instinkt, der Sehnsucht nach Zufriedenheit und einem tiefen Gefühl von Glück. Vermutet hinter Orten und besonderen Erlebnissen. In Wahrheit spüre ich dieses Glück doch nur in rückblickenden Erinnerungen, oder in der Hoffnung, der Vorfreude auf die weitere Reise. Aber selten in dem Augenblick.




Allein – Fluch und Segen

Puh, tiefer Einstieg. Tatsächlich jedoch ganz grundlegende Fragen und Gedanken, die mich zur Zeit beschäftigen. Ich reise allein. Ich selbst bin das Auffangbecken all meiner Gedanken – positive wie negative. Wenn ich es schaffe aus mir herauszutreten und zu reflektieren, erfahre ich Aha-Momente über mich selbst. Manchmal mit einem Schmunzeln, manchmal nicht wahrhaben wollend. Hart, aber spannend – sobald ich der Realität eine Chance gebe auch meine Realität zu werden.


Zeit für gedankliche Seifenblasen ohne Ende. Und parallel dazu einiges erlebt. Oder umgekehrt?

Der richtige Moment mal in die wortwörtliche Vergangenheit zu wechseln: Exakt zehn Tage zurück, und ich stehe vor dem Bunkhouse Hostel in Manly – so gut wie in Sydney. Für die nächsten vier Tage mein Zuhause.




Unerwartet international

 

In Manly habe ich für vier Tage ein Hostel gebucht. Müde 62 Australische Dollar (umgerechnet 38 Euro) für eine Nacht im Schlafsaal zu fünft. Aber ich möchte ein paar Tage in der City verbringen: Im Hostel ist das unauffälliger als in einem Zelt auf einem Auto. Und außerdem ist es nirgends einfacher Menschen zu treffen.

Entgegen meiner Erwartung laufe ich kaum Reisenden aus Europa über den Weg. Ein paar Danish und Italian People. Der größte Teil allerdings kommt aus Südamerika, vor allem aus Argentinien.

In Casper aus Kopenhagen finde ich nach ein paar Tagen den ersten Rennradfahrer als Begleitung auf meinen, bis hierher, eher einsamen Fahrten. Australische Radfahrer starten meist spätestens gegen 6 Uhr morgens. Die Uhren fangen hier grundsätzlich etwas früher an zu ticken. Um diese Zeit aufstehen? Dazu war ich bisher noch nicht bereit.


Dafür, dass sich Casper sein erstes Rennrad, ein BH mit 105er Shimano-Schaltung, erst vor ein paar Tagen gekauft hat, ist es garnicht so einfach ihn abzuhängen. An den tausend kleinen, ekeligen Hügeln in Manly leiden unsere Gespräche zumindest nicht. Bin ich immernoch in der Offseason? Oder scoute ich gerade den nächsten Jonas Vingegaard?





Surfen außerhalb des Internets

 

Sorry für den offenbarend schlechten Gag. ich glaube 2009 hat das letzte Mal jemand im Internet gesurft – zumindest sprichwörtlich.


Die paar Tage verfliegen. Hostelküchen-Smalltalk, Schwimmen im Rockwater Pool am Strand, Lesen, Cafe-Hopping, Einkaufen, Kochen, Hostelküchen-Deeptalk. In kurzer Zeit lebe ich mich ein. Nicht schwer, wenn man am Tag allem und jedem tausend Mal über den Weg läuft. So muss sich der Vibe in einer WG anfühlen. Eine wundervolle Abwechslung – und trotzdem freue ich mich auf meinen Solo-Trip.

An meinem letzten Tag picke ich mir natürlich noch ein Surfbrett und springe in die Dünung. Vielleicht aus Gruppenzwang? Wirklich jeder, egal ob 80 oder 8 Jahre, steht hier auf dem Wasser. Oder doch weil es auf eine Art faszinierend ist? Die Vorstellung auf dem Element Wasser zu stehen, ohne unterzugehen, fünf Sekunden, dann zehn Sekunden. Länger schaffe ich es nicht, für den Anfang bin ich trotzdem überrascht. Von etwa 30 Wellen in einer Stunde tragen mich fünf – stehend immerhin zwei. Die Quote könnte deutlich miserabler sein.




Amour in Hawks Nest

 

Am Freitag geht es dann endlich weiter. Es fühlt sich gut an vom Fleck zu kommen. Länger als vier Tag möchte ich nirgendwo verweilen. Das heißt – möchten tue ich es schon. Aber bei den vielen Stecknadeln, die ich auf die Landkarte gepflanzt habe, kann das nicht funktionieren. Die logische Konsequenz: Ich werde wiederkommen!


Von Sydney aus fahre ich gegen Nachmittag knappe drei Stunden nach Hawks Nest. Ein kleiner Küstenort, etwa 50 Kilometer nördlich von Newcastle. Für zwei Tage finde ich einen freundlichen Platz zum Schlafen auf einer Halbinsel zwischen dem Myall River und dem Port Stephens – eine größere Bucht vor dem pazifischen Ozean. In den zwei Tagen genieße ich vor allem die völlige Ruhe in dem 1.000 Einwohner kleinen Dorf. Der Himmel könnte nicht blauer sein. Ein kräftiger Wind türmt die Wellen meterhoch auf. Am 30 Kilometer langen Great Mermaid Beach ist es eher schwer auszuhalten. Der Sand fegt gefühlt schneller als der Wind dahin. Doch irgendwo gibt es ein Stück Wiese mit Meerblick. Lesen, schreiben, Meerluft atmen – ein und aus: Salz vermischt mit Sonnencreme.



Ich besuche eine Nature Art Gallery: Galleries in the Garden. Regionale Kunstschaffende stellen ein paar sehenswerte Werke aus. Vor allem das kleine Häuschen, sowie der bunte, zwitschernde Garten drumherum haben einen besonderen Charme.

Die Frau am Empfang, eine australische Deutsch-Lehrerin, ist die erste Person, die ich treffe mit folgender, äußerst steilen These: "Die deutsche Sprache ist die einfachste zum Lernen." Punkt.




Das Schlafplatz-Rätsel

 

Am Samstag fahre ich weiter nach Port Macquarie. Knappe zwei Stunden Troopy-Drive. Den Ort, besonders die Strände dort, hat mir Allan, so ein schwerverliebter Surferdude aus Brisbane im Hostel empfohlen. Er habe seine Freundin dort kennengelernt. "The waves are the best, man." Okay, warum nicht? Ich habe Zeit, und Zeit ist kein Geld.

Am frühen Abend erreiche ich "Port Mac". Als erstes bemerke ich, wie schwierig es plötzlich wird einen Schlafplatz zu finden. Verbotsschilder über Verbotsschilder. Und trotzdem überall Camper, Vans, junge Menschen, die in ihren Autos reisen, wohnen, schlafen.

Abgelegen am Stadtrand bleibe ich schließlich im Settlement Point Reserve. Ein älterer Mann versichert mir, er habe hier einmal im Auto geschlafen und keine Verwarnung bekommen. Das reicht mir diesen Abend als Lebensversicherung. Die einzigen Lichter in der Nacht wirft eine Fähre durchs Zelt, die nahe des Autos 24 Stunden auf einer Strecke von 400 Metern hin- und hersetzt.

In der Dämmerung spotte ich noch einen Koala in den hohen Baumkronen über mir.



Am Morgen dann die Hiobsbotschaft: "Erste und letzte Verwarnung! Liebe Grüße, die Stadt Port Macquarie!"

Ich lerne daraus die Städte in Zukunft zu meiden. Denn Ich möchte bewusst nicht auf Campingplätzen schlafen. Getreu dem Motto: Solange es niemanden stört werde ich ruhige Plätze suchen und finden. Eventuell könnte es sein, dass das zu sparende Geld auch eine Rolle spielt. Australien ist pricey genug.




Kleiner, großer Lebenstraum


Am Samstag fahre ich nun fünf Stunden Rad. Route geplant, ab ins Landesinnere, ins "Hinterland", wie selbst die Australier sagen. Wellig flach. Eine Ausnahme: Der Mount Comboyne, von Null führt die Straße steil auf 600 Meter in die Höhe. Am Ende des Anstiegs eröffnet sich ein Hochplateau. Alles schön und gut, bis die vor mir liegende Straße, die zurück ans Meer führt, plötzlich aufhört. Stattdessen offenbaren sich 30 Kilometer grober, tiefer Gravel. Okay, dann werde ich mal zum einarmigen Banditen. Ich fülle den Lottoschein, in Form des Luftablassens beider Reifen, aus. Viel Glück, Jon!


Nach knapp 25 Kilometern spüre ich mein Glück im Hinterrad – platt. Schlauch flicken, weiter gehts. Doch bereits einen Kilometer später – platt. Und wer hat einen Inbus zum Radausbauen vergessen?

30 Grad, tropische Stimmung, weicher, staubender Schotter. Links und rechts der Straße tiefer Regenwald. Vereinzelte Sonnenstrahlen finden den Weg zu mir herab. Alles ist verschlungen, verwachsen, lebt, atmet – außer der Schlauch in meinem Hinterrad. Im Kopf gehe ich meine Optionen durch, und stoße schnell an meine kreativen Grenzen. Und im Gesträuch schallt die Sirene hunderter Vögel. Nicht sichtbar, dafür mehr als gut hörbar – ein grelles, zu einem einzigen schwingenden Ton vermelzendes Geschrei.

Durch diese Kulisse hindurch höre ich ein Hämmern. Etwas Menschliches? Etwas, dass nicht aus dem Wald kommt? ich folge dem ungleichmäßig klirrendem Dröhnen. Nach einer Weile schält sich eine Lichtung aus dem Grün. Ein Haus, besser ein Rohbau, davor ein Jeep, mehrere Container, Werkzeuge. Und schließlich die Quelle des Hämmerns: Ein Mann mittleren Alters, schweißnass, kurze Locken, schiebt sich in mein Sichtfeld.


Er stellt sich mit Shannon vor. "Nice to meet you", grinst er mich an. "An allen key (Inbus-Schlüssel)? Yes, of course." Meine Rettung.

In wenigen Minuten wechsle ich den Schlauch, baue mein Rad wieder ein. Nebenbei füllt mir Shannons kleiner Sohn die Flaschen auf, bringt mir eiskaltes Wasser, Orangen und eine Banane. Shanoon erzählt mirdie Kurzfassung seines kleinen Lebenstraums. Seit fünf Jahren arbeite er an dem Haus. Rückschläge durch Waldbrände, Hochwasser, Krankheiten. Doch zwölf Monaten will er endlich fertig werden. Ein Haus – mitten im Nirgendwo. Ein Ort, an dem jegliche Geräusche, Gerüche, alle Sinneseindrücke, natürlichen Ursprungs sind. Es gibt perspektivlosere Lebensträume. Ich bedanke mich viel zu oft und wünsche ihm alles Glück der Welt.

Die 60 Kilometer zurück nach Port Macquarie verlaufen angenehm geschehenslos.




Sonntagfrüh besuche ich den Tacking Lighthouse Point am Zipfel der Stadt. Der drittältste Leuchtturm Australiens. Errichtet auf dem höchsten Punkt der zerklüfteten Felsküste – 1879. In demselben Jahr wurde in Deutschland vermutlich der letzte Leuchtturm abgerissen. Doch in der Geschichte Australiens, bewegen wir uns in der gefühlten Kreidezeit.




Regenwald-Romantik

 

Nach kurzem Strandspaziergang geht es für mich weiter nach Norden. Bereits gegen Mittag erreiche ich mein Ziel: Dorrigo. Ein kleines Dorf im New England National Park. So heißen die Berge über Coffs Harbour. Auf dem Waterfall Way geht es über eine steile Bergstraße in einen kleinen Ort: Dorrigo. Ein willkomener Kontrapunkt zum Trubel der belebten Küstenorte. Einige der bekanntesten Künstlerinnen und Künstler Australiens haben hier ihren Zweitwohnsitz – ein Rückzugsort, für alle denen der Hype der Küste zu laut wird. Die Berge türmen sich hier bis zu 1500 Meter in die Höhe – neuer Highscore für mich. Einen großen Unterschiede erkenne ich allerdings nicht. Die Luft ist wie gewohnt heiß und eher trocken. Die Vegetation scheint sogar vielfältiger und grüner hier oben.



Kurz vor Dorrigo biege ich rechts ab. Eine ruhige Straße führt zum Rainforest Centre. Ein wenig Naturkunde und Regenwald-Geschichte. Neben dem Skywalk wage ich mich auf eine zehn Kilometer lange Wanderung durch den trockenen Regenwald. Über 60 heimische Vogelarten. 8.000 ha Regenwald und spektakuläre Lookouts (Aussichtsplateaus).

Es ist erstaunlich wenig los. ich versuche jede Sekunde im Regenwald aufzusaugen – riechen, fühlen, die Augen zusammenkneifen und erahnen, wo die Baumgipfel ihr Ende finden. Und wenn es mal ein Sonnenstrahl durch ihre dichten Kronen schafft, wird die scheinbar bereits gesättigte Farbpalette, doch noch um einen weiteren Grüntön erweitert.




Im Wald ist es trocken, leicht kühler und – auffallend still. Hier ein Knistern im Busch, ein herumstreunerndes Australbuschhuhn (alectura lathami), dort ein Rascheln durch ein kleines Känguru.

Auf wenigen Kilometern passiere ich drei Wasserfälle. Dann mischt sich ein herlich frischer Wassergeruch in die trockene Luft. Alles scheint miteinander verwachsen und verschlungen. Ranken wuchern über den Boden, die Bäume, in alle Richtungen.





Richtung Queensland


Abends entdecke ich einen leisen Platz in einem kleinen Park in Dorrigo. Noch etwas kochen, eine Dusche irgendwo im Wald, und ein kleiner Spaziergang. Die kühle, milde Abendluft kommt zum richtigen Zeitpunkt.

In den nächsten Wochen werde ich weiter Richtung Norden fahren. Mit jedem Tag wird es heißer, trockener und schwüler werden. Doch viel mehr als das Wetter kann ich nicht voraussehen. Ist es das, was diese Reise so wertvoll macht?



Es ist später Nachmittag und das Meer wartet auf mich. Doch so viel Update muss sein. Ich melde mich die nächsten Tage wieder. Getrieben von der Sehnsucht, der Hoffnung, in Form der Entdeckung von für mich neuen Orten. Und regelmäßig schwelgend in der bis jetzt schon so reichen Erinnerung an Erlebnissen. Es zählt eben doch viel mehr als nur der Moment.


Macht's gut, euer Jon!


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