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Bella Italia Tortur

Die Kirchenglocken läuten, Vogelgezwitscher vermischt sich mit leisen Verkehrsgeräuschen und die Sonne schickt die letzten Strahlen über den Rand der Dächer. Es ist der frühe Abend eines sehr entspannten Tages und ich hab spontan beschlossen, noch einen kleinen Spaziergang durch die Erinnerungen der letzten Wochen zu unternehmen. Today: Italien-Roadtrip. Und mindestens genauso erwähnenswert: Ich sitze zum ersten Mal beim Schreiben halbromantisch auf dem Parkplatz-Garten-Gemisch meiner Wohnung.



Roadtrip-Romantik?


Montagmorgen. Unser fünftägiger Roadtrip startet. Geplant war zumindest "Montagmorgens". Aus dieser Überlegung entwickelte sich letztendlich 16 Uhr nachmittags. Da wir am Vorabend erst spät vom Rennen in Belgien heimkamen, waren noch deutlich mehr Dinge als geplant zu tun. Packen, Wäsche, Kochen, und und und. Wir, das bedeutet mein Freund (und Teamkollege) Per und ich.

Auf den ersten Blick wirken so ein paar Tage Autofahren immer romantisch: Einfach nur fahren, vergessen, die Landschaft verwandelt sich. Die Realität beweist dann häufig das Gegenteil: Zeit absitzen (falls man nach einer Stunde noch sitzen kann) und gähnende Leere, unsagbare Langeweile.

Und auch an diesem Montagmorgen freute ich mich auf den Tag im Auto – um dann doch wieder enttäuscht zu werden. Etwas schöner wird's dann immer, wenn man gefühlt "so richtig weit weg" von zuhause ist. Bei mir ist diese Grenze meistens etwa das zweitnächste Bundesland, an diesem Tag Bayern. Da verändert sich dann auch mal was, sofern auf deutschen Autobahnen von Veränderung gesprochen werden kann. Die bergige Landschaft, der Dialekt der VerkäuferInnen auf den Raststätten, und vielleicht dann auch die Stimmung.



"Genussdrang"


Wir befinden uns jetzt ungefähr vier bis fünf Stunden nach Raodtrip-Start. Der Blick durch das Seitenfenster offenbart erstmals die Umrisse der Alpen. Und jedes Mal, wenn es so weit ist, realisiere ich meine Liebe zu den Bergen. Das ist für mich Unendlichkeit. Jetzt muss ich mehr fühlen, mehr gucken, genießen, fotografieren, schreiben, festhalten. und genau dann, hört dieser Genuss auf. Druck, Druck, Druck. Der Moment, und das Schöne in ihm verschwinden.

Das ist einer der Gründe weswegen ich mir irgendwann mal vorgenommen habe, in solchen Augenblicken einfach nichts zu machen. Nur schauen, oder wegschauen, oder schlafen. Einfach instinktiv wahrnehmen. Genau deshalb schreibe ich jetzt in der Rückschau, nicht live Versuche mich genau jetzt zu erinnern, statt krampfhaft getrieben in dem Moment.

"Genussdrang". Das Wort ist mir an diesem Montagabend im Auto spontan eingefallen. ich glaube, das trifft es ganz gut.



All about al dente


Abends kamen wir dann in Kempten, irgendwo mitten im Allgäu an. Der Place to be für die Nacht. Kurz vorm Schlafen noch ein perfekt getimter L'Osteria-Besuch um 21.45 Uhr kurz vor Feierabend, dann ins spontan gebuchte AirBnB.

Am nächsten Morgen ging's dann weiter zu irgendeinem wunderschönen See, kurz vor der Grenze zu Österreich. Frühstücken, Beine ins Wasser und ein bisschen Trashtalk mit meinen Mit-Passagieren Ewan und Per. Ewan ist ebenfalls mein Teamkollege aus Grossbritannien. An den Englisch-Skills wird also auch immer gefeilt.

Tagesziel: Trient. Gegen 16 Uhr erreichten wir unser vom Team gebuchtes Hotel, mitten im Trentino – meine Lieblingsregion in Italien. Nach einer kurzen, entspannten Ausfahrt rund um den Lago di Caldonazzo, gab's dann wieder Pizza. Phänomen in diesem Land: Egal wo, egal wie, egal wann: Das Essen ist überall on point al dente.



Hochdramatische Trofeo


Mittwoch war Vorbelastungstag. Der Rest des Teams dümpelte über den Tag verteilt im Hotel ein. Gegen Mittag fuhren wir zusammen eine kleine Runde. Die Stimmung war top und jeder hatte Bock auf's Rennen. Fail des Tages: Per und ich alberten auf dem Rad so viel rum, dass er mir ungewollt mit seiner Pedale das Vorderrad ausspeichte. Nach einem kurzen Stop im Café war das aber irgendwo schon wieder vergessen. In diesem Land kann man einfach nicht länger als ein paar Augenblicke schlecht gelaunt sein. Das ist glaube ich empirisch bewiesen – ohne Garantie auf Wahrheit.

Am nächsten Tag sollte ich mehr oder weniger das Gegenteil erfahren.

Das Rennen habe ich im letzten Beitrag bereits grob angeschnitten, habe mich gesträubt, tiefer abzutauchen in diesen Tag. Um es kurz und knapp auf den Punkt zu bringen, zitiere ich an dieser Stelle die Reaktion meines Trainers auf meine fünfminütige Fazit-Sprachmemo: "Schick das lieber deinem Psychologen!"

Dramatischer Tag, mittlerweile aber hinreichend Revue passiert. So eine objektive Analyse nach dem Rennen verlege ich zumindest zukünftig auf den nächsten Tag. Temperaturen über 30 Grad, Windstille und starke Konkurrenz machten das Rennen sehr schnell. Und dazu nicht ganz optimal für meine Fahrertyp-Qualitäten. Fünf Runden mit zwei schweren Bergen verwandelten das Ganze eher in eine Qual, als in ein Spiel. Aber naja, solche Tage gibt es und sie gehören eben dazu.


Actionreiches Ende


Die Rückfahrt war lang und schmerzhaft. Zwei Autopannen führten zu mehrstündigen Aufenthalten auf der Autobahn. Diese Tortur im Detail zu beschreiben, wäre wahrscheinlich beim Lesen anstrengender als ich sie in Realität durchlebt habe.

Kurz und knapp: Late-Night-Hotels, kaum Schlaf, Platten, Motorschaden und on top wieder diese Roadtrip-Langeweile. Irgendwann wollte ich einfach nur noch nachhause. Daher gibt es heute leider kein Happy End.

Nach dem Rennen bin ich gedankenlos durch die Gassen von Bassano del Grappa geschlurft. Eigentlich nur auf der Suche nach Eis und Wasser. Die ein oder andere typisch italienische Hausfassade hat es dann doch noch in mein Fotoarchiv geschafft. Das Schöne: Ich glaube es war Instinkt, diesmal kein "Genussdrang".

Rückblickend nehme ich den Trip trotzdem mit Humor. So viele unvorhergesehene Action und Erfahrungen. Irgendwie ist es doch genau das, was einen guten Urlaub/Roadtrip/Renneinsatz ausmacht.



Macht's gut, euer Jon!



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